Die Wissenschaftler führen diese
Änderungen vor allem auf die Einschleppung
gebietsfremder Arten und den globalen Klimawandel
zurück. Das haben die seit 1962 kontinuierlich
fortgeführten Untersuchungen ergeben. Mit fast
lückenlosen werktäglichen Messungen
physikalisch-chemischer und biologischer Parameter
verfügt die Biologische Anstalt Helgoland über einen der
weltweit wertvollsten marinen Langzeit-Datensätze. Mit
modernen Methoden der Langzeit-Datenerhebung und in
enger Kooperation mit anderen Institutionen leisten die
Wissenschaftler auf Helgoland einen wesentlichen Beitrag
dazu, ökologische Veränderungen zu analysieren und damit
Entscheidungshilfen für das Management mariner
Ressourcen und die Umweltpolitik bereitzustellen. Die
aktuelle Ausgabe (Band 58, Heft 4) der Zeitschrift
"Helgoland Marine Research" (Springer-Verlag) ist der
ökologischen Langzeitforschung auf Helgoland gewidmet.
Die
Meeresassel Idotea metallica; eine von mindestens 30
südlichen, atlantischen Arten, die in den letzten 15
Jahren neu in der Deutschen Bucht aufgetreten sind
und als biologische Indikatoren des Erwärmungstrends
angesehen werden können. Foto: H.-D. Franke,
Alfred-Wegener-Institut
Mehr als 150 Jahre Forschung auf der Nordsee-Insel
Helgoland haben einen Datensatz von unschätzbarem Wert
hervorgebracht, dessen Auswertung die Wissenschaft noch
lange beschäftigen wird. "Regelmäßige Messungen und
Beobachtungen, die Jahrzehnte überspannen, sind das
wichtigste Instrument, mit dem historische Veränderungen
der ökologischen Bedingungen erfasst werden können. Nur
so können wir den heutigen Zustand unserer Ökosysteme
bewerten und Modelle entwickeln, die begründete Aussagen
über deren künftige Entwicklung erlauben", erläutert Dr.
Karen Wiltshire von der Biologischen Anstalt Helgoland.
Die Daten belegen einen Anstieg der Wassertemperatur von
1,1 ºC über die letzten 40 Jahre, bei gleichzeitigem
leichten Anstieg des Salzgehalts. Meereisbildung bei
Helgoland, ein Phänomen das bis in die 1940er Jahre im
Mittel etwa alle zehn Jahre auftrat, wurde in den
letzten 60 Jahren nur ein einziges Mal beobachtet
(1963). Die Nordsee weist deutliche Veränderungen in der
Häufigkeit von Arten, im jahreszeitlichen Muster ihres
Auftretens und im Artenspektrum auf. Weil die eng
miteinander verbundenen Glieder von Lebensgemeinschaften
nicht gleichlaufend reagieren, verändert sich das
Ökosystem. Erstmalig konnte für die Nordsee eine mit dem
Temperaturtrend gekoppelte Veränderung von Zeitpunkt und
Stärke der Kieselalgenblüte nachgewiesen werden.
Kieselalgen stellen die Basis des Nahrungsnetzes im Meer
dar. Weil ihr Wachstum weitgehend die Saisonalität der
Lebensgemeinschaften in der Wassersäule und am
Meeresboden bestimmt, erwarten die Forscher für die
Zukunft eine tief greifende Änderung des gesamten
Ökosystems.

Coscinodiscus wailesii; diese
Kieselalge pazifischer Herkunft tritt seit etwa
20 Jahren in der Nordsee auf, wo sie seitdem
eine wichtige Rolle in der Primärproduktion
spielt; Foto: M. Hoppenrath, AWI
Die Helgoländer Wissenschaftler stellten
fest, dass einige heimische Arten wie Hummer und
Kabeljau seltener geworden sind. Manche Organismen, wie
verschiedene Algen und die europäische Auster,
verschwanden ganz aus dem Gebiet. Andere Arten, wie der
Taschenkrebs, nahmen in ihren Beständen zu oder traten
neu auf. Die große Mehrzahl der seit etwa 15 Jahren neu
aufgetretenen Arten sind "südliche" Arten aus der
atlantischen Region, die durch den Temperaturanstieg
jetzt auch weiter nördlich leben können. Damit sind sie
gleichsam Indikatoren dieses Trends. Andere neue Arten
wurden vom Menschen eingeschleppt und haben einige
lokale Lebensräume und Lebensgemeinschaften bereits
deutlich verändert.
Schon 1873 wurde auf der Nordsee-Insel Helgoland mit den
ersten regelmäßigen Messungen begonnen. Mit der Gründung
der Biologischen Anstalt Helgoland 1892 wurde eine
permanente Institution etabliert, die sich von Beginn an
einer "Forschung mit langem Atem" verpflichtet sah. Seit
1998 ist die Biologische Anstalt Helgoland Teil des
Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung.
Bremerhaven, den 31 Januar 2005
Alfred-Wegener-Institut
Das Alfred-Wegener-Institut forscht in
der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der gemäßigten
sowie hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung
in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den
Forschungseisbrecher Polarstern für die internationale
Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut
ist eines der fünfzehn Forschungszentren der
Helmholtz-Gemeinschaft, der größten
Wissenschaftsorganisation Deutschlands.